Erfahrungsbericht – Geburt von Josefine Lioba

Es schien, als ob alles ganz anders kommen sollte, denn keine Beleghebamme in Dresden hatte um den 30. November, unserem voraussichtlichen Geburtstermin, noch freie Kapazitäten. Dabei ist es doch gerade mal Mai und wir hatten es uns so gut vorstellen können, mit einer Beleghebamme im Diakonissenkrankenhaus unseren ersten Spross ambulant zur Welt zu bringen.

Wir waren etwas ratlos, doch dann erhielten wir den wertvollen Tipp mal bei Marie-Luise anzurufen. Tatsächlich hatte sie Ende November noch Zeit. Nach unserem ersten Treffen fiel es nicht schwer sich für sie zu entscheiden, denn wir hatten sofort ein gutes Gefühl. Wir wollten diesen Schritt ins Leben mit ihr gehen. Besonders gefiel uns, dass sie genauso wie wir, die Geburt eines Kindes als ganz natürliche Sache frei von gesellschaftlichen Zwängen ansieht.

Die Zeit der Schwangerschaft verging rasend schnell und der Geburtstermin rückte immer näher. Während dieser ganzen Zeit stand uns Mary-Lou mit umfassendem Wissen und auch mit viel Herz zur Seite. Als sich herausstellte, dass das Fruchtwasser im unterem Normbereich lag und die Möglichkeit der Unterversorgung bestand, wusste sie uns Ängste zu nehmen. Als die Ärzte von  „zu zeitig auf die Welt kommen“  und „ meiden sie Anstrengung“  sprachen, konnte sie uns mit den Worten  „oft kommen die Kinder dann doch nach dem Termin zur Welt“  beruhigen.

Am 30. November war dann 1. Advent und sonst Nichts. Auch Nichts sein sollte am Wochenende darauf, da Mary-Lou ihre Fähigkeiten in Sachen Akupunktur in Berlin vertiefte. Das Baby hat brav gewartet.
Am Sonntagabend, den 7.12. trafen wir uns (gegen 18.00 Uhr) mit ihr im Diako zum CTG. Langsam wurden wir kribbelig, schließlich waren wir genau eine Woche über dem Termin.

Und da saßen wir also und waren voller Ungeduld und guter Hoffnung. Mary-Lou setzte ein paar Nadeln, mit der Absicht die Wehen wach zu kitzeln. Es war eine sehr entspannte und ruhige Atmosphäre. Die Ärztin machte noch ein Ultraschall. Fruchtwasser reicht aus – der Kopf sitzt im Becken, braucht aber noch ein bisschen – „ihm“ geht’s gut (dem Fötus hoffen wir) . Wir fahren wieder nach Hause. Drin geblieben ist ja wohl noch keins. Mit Vorfreude und Ungeduld genießen wir noch einmal die Zweisamkeit und schießen ein paar schöne Fotos, man weiß ja nie wie lange dieser schöne runde Bauch noch hier wohnen bleibt. Gegen 1:00 Uhr schließen wir die Augen.

Gegen 3:00 Uhr bin ich wieder munter. Was war das? Ich gehe ins Bad und klettere mit einem mulmigen Gefühl wieder aufs Hochbett. Andy schläft. Da schon wieder – ein Ziehen im Bauch, mein erster Gedanke: Bauchschmerzen. Ich kuschele mich an seinen Rücken, Wärme soll ja bei Bauchschmerzen helfen und versuche wieder einzuschlafen. Doch ein leises Blobb lässt mich aufhorchen. (Meinte Mary-Lou nicht, dass es sich so beim Blasensprung anhört?) Ich muss mich hinsetzten und durchatmen. In der Zwischenzeit wird Andy munter und schmunzelt, denn Bauchschmerzen ist wohl eher nicht der passende Ausdruck für Wehen, die immerhin schon alle 2 Minuten im vollen Gange sind.

Das abgehende Fruchtwasser kommentiert er besorgt mit den Worten „ich sollte schnellstens Mary-Lou anrufen“    
Also, schnell die „Notfallnummer“ gewählt. Wir haben es 3:39 Uhr und wollen uns 4:15 Uhr treffen. Wahrendessen werden die Wehen heftiger und in diesen Sekunden geht nichts mehr. Also, immer wieder verschnaufen und in den wenigen kürzer werdenden Momenten dazwischen Anziehen, Kontaktlinsen einsetzen und überlegen, ob noch etwas fehlt. Ursprünglich wollten wir `ne Fotostory machen mit den Untertiteln wie: „hier steigt Melli lächelnd ins Auto“ oder „wir winkend an der Notfallaufnahme“, doch daran ist jetzt nicht zu denken. Alles geht ja so schnell.

Die Wehen werden heftiger. Es ist schwierig als Mann zu verstehen, dass man die Schmerzen der Frau einfach nicht abnehmen kann. Man steht dann einfach ziemlich bedeppert rum mit dem rechten Schuh in der Hand bereit ihn wie gewohnt der Frau anzuziehen, während sie auf allen Vieren versucht dem Wehenschmerz zu entgehen. Andy: „Wenn es nicht geht, dann müssen wir eben den Krankenwagen rufen“. Melli: „Auf keinen Fall!!!“  Mit mehreren Unterbrechungen schaffen wir dann doch den Weg ins Auto und brausen durch die Nacht. Kurze Zeit später bemerkt Melli, das sie Ihr Portmonee samt Krankenversicherungskarte vergessen hat und besteht darauf zurückzufahren. „Die lassen uns dann vielleicht nicht gleich  nach Hause fahren“. Nun ich könnte die nächste Wehe abwarten und weiterfahren... aber ich drehe noch mal rum, um dann in Wild-West-Manier an roten Ampeln und Verkehrsschildern mit deutlich zu niedrig angesetzten Tempolimits vorbeizufahren. Begleitet von einer heftigen Wehe in der Notaufnahme angekommen, möchte Melli nicht mehr aussteigen. Die freundliche Schwester meint, dass im Diako nicht im Auto entbunden wird... und auf dem Gang auch gleich gar nicht... schließlich packen wir sie auf eine Trage. Im Fahrstuhl macht sich kurz Unruhe breit, weil der werdende Papa ungeschickter Weise mit dem Po die Notrufklingel betätigt. Melli auf der Trage, dazu Gehupe, irgendeine Stimme im Lautsprecher und zwei andere Schwestern... der weite Gang wirkt echt befreiend - auf in den Kreissaal. Die werdende Mama wird auf das Bett gehoben. Jede Berührung ist zuviel, man soll mich in Ruhe lassen, doch die Schwester bleibt hartnäckig und legt das CTG an. Die Hektik geht, als Mary-Lou ankommt. Der Muttermund ist schon vollständig offen.

Mein Kreislauf will nicht so, wie es mir lieb ist und ich denke die ganze Zeit „Warum gebt ihr mir keinen Traubenzucker?“ und sage „mir ist schlecht“. Mary-Lou meint ich solle nur ruhiger atmen und alles liefe prima.
Die Wehen kommen immer schneller hintereinander und der Druck nach unten wird heftiger. Aber es ist alles in allem erträglich. Von meiner Umwelt bekomme ich nicht viel mit – nur Wortfetzen und jede Menge Geräusche. Andy und Mary-Lou geben mir aber die Sicherheit, dass alles in Ordnung ist. Ich versuche mich auf das Atmen zu konzentrieren, aber das ist nicht so leicht, ich denke an die Yogaatmung und halte mich an Mary-Lous Worte. Es scheint zu funktionieren. Für eine Weile gibt es nur noch mich und meinen Körper.

Es stimmt: die Innenausstattung des Zimmers ist vollkommen egal. In einer Pause meint Mary-Lou sie sieht das Köpfchen schon und auf meine Frage, ob es denn viele Haare hätte kriege ich die Antwort es Selbst zu fühlen. Es fasst sich komisch an und ich zucke zurück mit den Worten „Was ist das?“

Und dann will das Menschlein nur noch raus und ich will diesem Druck sehr gern nachgeben. Mary-Lou gibt mir das Okay zum Mitpressen. Ich müsste lügen, wenn ich schreiben würde dass es nicht wehtut, jedoch bevorzuge ich den Begriff unangenehm. Und dann soll ich aufhören mit pressen und nur noch genießen. Es ist unglaublich zu sehen, wie man dieses kleine Wesen auf die Welt bringt. Es ist der 8. Dezember um 5:04 Uhr. Ich sehe nur den Rücken und lasse mich zurücksinken Wir haben es geschafft. Ganz ohne Gebärlandschaft... auf dem Gang herumwandeln... Seil... Wanne... etc.
Mary-Lou legt mir das Baby auf den Bauch, mit den Worten „Es ist ein Mädchen“. Wir sind überglücklich, eine kleine Josefine Lioba – unsere Liebste hat soeben das Licht der Welt erblickt.
Sie ist 52 cm lang und 3300g schwer. 3 Stunden später verlassen wir das Krankenhaus es ist  ein sehr klarer Morgen und die Wintersonne beginnt ihren flachen Weg über den Horizont.

Danke Mary-Lou für die Begleitung während der Schwangerschaft, danke für die tatkräftige Unterstützung während der Geburt und danke für so manchen wertvollen Tipp und so manches gemütliches Schwätzchen bei der Nachsorge.